07.04.2016

VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB), Frankfurt a.M.

VDMA-Großanlagenbauer schaffen neue Wettbewerbschancen

Die von den Mitgliedsfirmen der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) 2015 in Deutschland verbuchten Bestellungen lagen mit 19,5 Mrd. € in etwa auf dem Niveau des Vorjahres (2014: 19,6 Mrd. €). „Angesichts des sehr volatilen Umfelds, das von niedrigen Rohstoffpreisen, einer schwachen Weltkonjunktur, starkem Wettbewerbsdruck und einer Vielzahl regionaler Konflikte geprägt ist, werten wir es als Zeichen besonderer Robustheit, dass der Großanlagenbau sich in Summe stabil behaupten konnte“, sagte Jürgen Nowicki, Sprecher der AGAB und Sprecher der Geschäftsleitung der Linde AG Engineering Division, anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Lageberichts.


Der Großanlagenbau konkurriert mit Anbietern aus der OECD und zunehmend mit solchen aus Nicht-OECD-Staaten. Die Folgen der fortschreitenden Internationalisierung in den Wertschöpfungsketten, die Änderungen in vielen nationalen förderpolitischen Ansätzen sowie die finanzmarktpolitisch verursachte Zurückhaltung von Banken in der Vergabe von Krediten für Großprojekte zeigen nachdrücklich: Die Möglichkeit, attraktive Finanzierungen anzubieten, ist immer mehr zu einem Erfolgsfaktor im Projektgeschäft des Anlagenbaus geworden. In vielen Ländern ist die staatliche Exportkreditversicherung im Hinblick auf die internationale Beschaffung von Leistungsbausteinen flexibler als hierzulande, was zu Wettbewerbsnachteilen für deutsche Unternehmen führt. Die radikalen Umbrüche verlangen nach einer kritischen Prüfung und daraus folgendem praxisorientierten Wandel des staatlichen Instrumentariums. Besonders wichtig sind dabei die internationale Beschaffung und die Einbindung der Lieferumfänge ausländischer Tochtergesellschaften im Projektland selbst. „Die dritte Stufe des sogenannten Drei-Stufen-Modells muss Auslandsanteile für Großprojekte nicht nur bis 49 %, sondern auch im Regelfall bis zu 75 % ermöglichen“, fordert AGAB-Sprecher Nowicki.


Die Auslands-Auftragseingänge stiegen im Berichtszeitraum um 6 % auf 16,9 Mrd. € (2014: 15,9 Mrd. €). Dieser Zuwachs basiert im Wesentlichen auf mehreren Großaufträgen aus Ägypten für Kraftwerke und aus Russland für Chemieanlagen. Von einem allgemeinen Aufschwung kann im Exportgeschäft insofern keine Rede sein. Vielmehr hat sich der Abwärtstrend im Chinageschäft verfestigt und auch aus anderen asiatischen Schwellenländern wie etwa Südkorea und Malaysia gingen 2015 weniger Bestellungen ein als im Vorjahr. Schwach war die Nachfrage ferner in den meisten Ländern Europas.


Steigende Buchungen meldeten die AGAB-Großanlagenbauer 2015 hingegen aus Brasilien, Indien, der Türkei und dem Mittleren Osten. Die Aufträge aus den USA haben sich dank anziehender Bestellungen für Gaskraftwerke auf hohem Niveau stabilisiert. Insgesamt nahm die Auslandsnachfrage nach Kraftwerken um 18 % zu. Mit 7,8 Mrd. € erreichte das Ordervolumen in diesem wichtigen Segment den höchsten Wert seit 2009. 


Die inländische Anlagennachfrage ist 2015 um 29 % auf 2,6 Mrd. € (2015: 3,7 Mrd. €) zurückgegangen. Erstmals seit mehr als 30 Jahren lag das nominale Auftragsvolumen damit unter der Marke von 3 Mrd. €. Der Hauptgrund für diesen Rückgang ist der Zusammenbruch des deutschen Marktes für den Neubau fossiler Kraftwerke. Doch auch in den Prozess- und Grundstoffindustrien werden aufgrund von Überkapazitäten, hohen Energiepreisen und strengen Regulierungsvorschriften derzeit kaum Großprojekte realisiert.


Die Erwartungen der Kunden an den Großanlagenbau wachsen vor dem Hintergrund des steigenden Wettbewerbsdrucks aus Asien und der stagnierenden Anlagennachfrage kontinuierlich. Neben die klassischen Bewertungskriterien Preis, Zeit und Qualität sind in den letzten Jahren zahlreiche weitere Faktoren wie beispielsweise HSE-Expertise, Anlagenservice und vereinzelt auch der Anlagenbetrieb getreten. Nowicki: „Mitunter sind sogar Eigenkapitalbeteiligungen durch Anlagenbauer aus Risikogesichtspunkten oder zur Schließung temporärer Finanzierungslücken beim Kunden notwendig.“ Ferner haben sich auch die vertraglichen Bedingungen weltweit weiter verschärft.


Die AGAB-Mitglieder reagieren auf diese Wünsche umfassend. Sie bauen ihre Kompetenzen im Projekt- und Risikomanagement von hohem Niveau ausgehend kontinuierlich aus und behalten auch das Chancenmanagement im Auge. Überdies hat die Branche im Einsatz von Industrie 4.0-Technologien einen wichtigen Hebel erkannt, um die Effizienz ihrer Prozesse zu steigern. Eine aktuelle AGAB-Studie weist auf hohe Potenziale von Industrie 4.0 vor allem in der Logistik, auf der Baustelle und im Engineering hin. Gleichzeitig bereiten die Unternehmen ihre Mitarbeiter durch gezielte Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen auf die Erfordernisse der neuen Technologien vor.


Ein weiterer Ansatzpunkt zur Stärkung der Wettbewerbsposition ist der Ausbau des Servicegeschäfts. Derzeit liegt der Anteil der Serviceleistungen am Gesamtumsatz im Großanlagenbau bei 16 %. Die Planungen der AGAB-Mitglieder sehen vor, diese Quote bis 2019 im Branchenschnitt auf mehr als 20 % zu steigern.


Ausblick 2016: Die Markterwartungen im Großanlagenbau sind verhalten optimistisch. Zwar rechnen die AGAB-Mitglieder angesichts der anhaltend schwachen Investitionsneigung in China, der Rezessionen in Russland und Brasilien, der Vielzahl an regionalen Konflikten sowie dem zunehmenden Wettbewerb aus Asien nicht mit einer grundlegenden Trendwende im Auftragseingang. Dennoch scheint immerhin ein leichter Anstieg der Nachfrage möglich zu sein. Insbesondere der Iran, die USA und Südostasien bieten dem Großanlagenbau interessante Perspektiven. „Der von den Unternehmen  betriebene Ausbau des Servicegeschäfts, eine wachsende Nachfrage nach Betreibermodellen sowie die Nachrüstung bestehender Fabriken mit Industrie-4.0-Techniken versprechen darüber hinaus weltweit steigende Umsätze“, lautet das Fazit von Nowicki.


VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB), Frankfurt a.M.