14.04.2015

WV Stahl, Düsseldorf

Robuste Mengenkonjunktur unter großen Belastungen

Die Stahlindustrie in Deutschland sieht mit vorsichtigem Optimismus auf die kommenden Monate. „Die Stahl-Mengenkonjunktur in Deutschland ist in der Tendenz aufwärtsgerichtet“, sagte Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident Wirtschaftsvereinigung Stahl und Vorsitzender Stahlinstitut VDEh, gegenüber Journalisten aus Anlass der Hannover Messe. Trotz verbesserter konjunktureller Rahmenbedingungen sieht der Stahlverband gegenwärtig noch keine Notwendigkeit, seine Prognose für das Jahre 2015 (+ 1 % auf 43, 3 Mio. t Rohstahl) zu korrigieren.


Die Rohstahlproduktion in Deutschland ist im ersten Quartal 2015 mit 11,1 Mio. t um 2 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen, die Kapazitätsauslastung lag mit knapp 90 % jedoch auf einem erneut hohen Niveau. Die Auftragseingänge Walzstahl sind in den ersten drei Monaten 2015 in etwa auf Vorjahreshöhe geblieben. Die Auftragsbestände erreichten im Februar gleichwohl den höchsten Stand seit Mai 2012. „In den kommenden Monaten dürften die Aufwärtstendenzen in der Stahlkonjunktur sichtbarer werden,“ prognostizierte der Verbandspräsident. Dafür sprächen zum Beispiel die verbesserten konjunkturellen Fundamentalfaktoren. Insbesondere der gesunkene Euro-Wechselkurs werde der Stahlnachfrage in Deutschland einen Schub verleihen. Positiv seien auch die niedrigen Lagerbestände: „Da kein starkes Re-stocking im ersten Quartal 2015 stattgefunden hat, dürfte der für die zweite Jahreshälfte typische Lagerabbau geringer ausfallen, als es in den letzten drei Jahren jeweils der Fall gewesen ist,“ so Kerkhoff. Er sieht auch eine allmähliche, wenngleich vorsichtige Verbesserung der Bedingungen auf dem europäischen Stahlmarkt, so verzeichneten die südeuropäischen Stahlmärkte wieder Wachstum. Bereits im vergangenen Jahr habe die Stahlnachfrage in der EU die Trendwende vollzogen und dürfte auch in diesem Jahr weiter zulegen.


„Der internationale Wettbewerb in diesem Jahr wird weiter an Schärfe zunehmen,“ so der Verbandschef. Eine Schlüsselrolle komme dabei China zu, das im vergangenen Jahr seine Stahlexporte um mehr als 50 % und in den ersten beiden Monaten 2015 sogar um knapp 60 % auf ein Niveau von rd. 95 Mio. t/a gesteigert hat. Die Exportflut aus China sei in erster Linie Ausdruck enormer Überkapazitäten, die mit staatlicher Hilfe gegen den Markt gehalten würden.


Im Zuge der Verstaatlichung des italienischen Stahlunternehmens Ilva sei in den letzten Wochen auch die Gefahr von innereuropäischen Wettbewerbsverzerrungen erheblich gewachsen. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl habe am Freitag bei der Europäischen Kommission formell Beschwerde gegen die Subventionen eingereicht, mit denen der italienische Staat Ilva in Taranto, das größte Stahlwerk Italiens und Europas, unterstützt. Die finanziellen Hilfen beliefen sich auf etwa 2 Mrd. €. Sie stammten aus Kassen, die dem Staat zuzurechnen bzw. von den Justizbehörden zuvor bei der Eigentümerfamilie beschlagnahmt worden seien, so der Stahlverband. Dadurch solle Ilva wieder wettbewerbsfähig gemacht werden. „Es handelt sich um Betriebsbeihilfen, die nach dem europäischen Beihilferecht verboten sind“, urteilt Kerkhoff. Die Stahlindustrie habe in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts leidvolle Erfahrungen mit unzulässigen Beihilfen, also mit einem von öffentlichen Kassen gespeisten Subventionswettlauf, gemacht, der den Wettbewerb vollständig verzerrt habe. „Die Fehler der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen. Betriebsbeihilfen sind unter allen Umständen zu unterbinden. Das Stahlunternehmen hat offenbar notwendige Investitionen unterlassen. Nun darf der Staat nicht einspringen“, mahnt der Verbandspräsident.


Unverändert besorgt die Stahlindustrie die Belastungen aus falscher politischer Rahmensetzung. Energiewende in Deutschland und neue Weichenstellungen beim Klimaschutz beeinflussen auch die Planungs- und Investitionssicherheit der Stahlindustrie in Deutschland. Die Stahlunternehmen befürchten neue Verschärfungen des Emissionshandels und Kostenbelastungen für die ökologisch vorteilhafte Eigenstromerzeugung.


WV Stahl, Düsseldorf