06/08/2014

ThyssenKrupp Steel Europe AG, Duisburg

Im Salonwagen das Werksgelände erkundet

Deutschland vor 100 Jahren. 1914 hat das Reich vor dem Ausbruch des Weltkriegs Jahrzehnte der Industrialisierung hinter sich. Mit dem Massenzustrom von Arbeitskräften ins Ruhrgebiet sind die Dörfer und Städte zwischen Dortmund und Duisburg rasant gewachsen. Wohlhabende Bürger haben Villen gebaut, Industrielle werksnah Häuser für Angestellte und Arbeiter errichtet. Und in Zeiten, da höchstens ein Arzt oder ein Großstadtbürgermeister stolze Autobesitzer waren, verbanden landeseigene Eisenbahnstrecken die wichtigsten städtischen Knotenpunkte. Auch August Thyssen nutzte das moderne imageträchtige Verkehrsmittel Bahn für Besichtigungs- und Geschäftsfahrten auf seinem Duisburger Werksgelände.


Ein gepflegter Salonwagen im Besitz von ThyssenKrupp Steel Europe zeugt noch heute davon. Mit dem 1905 gekauften Wagen bewegte sich der Firmenchef komfortabel am Standort Hamborn und konnte im Werk schnell vor Ort agieren. Das Firmengelände, das heute über Straßen für Schwerlastfahrzeuge bis 150 t verfügt, war vor dem ersten Weltkrieg noch nicht autotauglich. Werksinspektion und Logistik über 100 Jahre später sind computerunterstützt, zertifizierte Messverfahren und Qualitätsmanagement haben seit Langem Erkundungsfahrten wie die zur Zeit August Thyssens abgelöst. Logistisch bewältigen 1 000 Mitarbeiter von Logistik bei ThyssenKrupp Steel Europe Bahntransporte, den Hafenbetrieb und mehr. Allein 400 Lokführer bewegen 3 000 Eisenbahnwagen zwischen dem Werkshafen Walsum im Norden und Ruhrort bis zur westlichen Beeckerwerther Werksgrenze am Rhein. Rund 100 Loks sorgen für Transporte von Kohle, Koks, Erzen, Kalk oder Brammen auf 470 km Gleisnetz. Professionelle Logistik ist also integraler Bestandteil der Stahlerzeugung zwischen Hafen, Hochofen, Stahl- oder Veredelungswerken.


Allein mit dem Rohmaterial, das täglich bei ThyssenKrupp Steel Europe bewegt wird, würde die große Gelsenkirchener Schalke-Arena in nur zwei Wochen bis unter das hohe Stadiondach gefüllt. „Spezialisierte Tochterunternehmen in Rotterdam übernehmen die Entladung der Seeschiffe und den Umschlag der Rohstoffe auf Binnenschiffe für den Rheintransport bis Duisburg. Hier gewährleistet dann die Logistik durch einen leistungsfähigen Umschlag im eigenen Werkshafen, dass Kokerei und Hochofenwerke die Rohstoffe entgegennehmen können. Mit Bahn-, Schwerlast- und LKW-Transporten sorgen wir dafür, dass die Zwischenprodukte pünktlich zur nächsten Produktionsstufe im Produktionsnetzwerk der ThyssenKrupp Steel an den Standorten Duisburg, Dortmund, Bochum, Eichen, Ferndorf und Finnentrop geschafft werden. Ganz besonders im Fokus der Logistik steht natürlich die wunschgemäße Kundenversorgung mit Fertigprodukten. Diese erreichen ihr Ziel zu rd. 40 % per Bahntransport – dem Transportmittel unserer ersten Wahl“, sagt Ulrike Höffken, Leiterin Logistik bei Deutschlands größtem Stahlhersteller. In Sachen Logistik forscht und fördert das Werk zudem: zum Beispiel 10 Stipendiatinnen und Stipendiaten. Sie promovieren bis 2014 in einer eigenen ThyssenKrupp-Klasse an der Graduate School of Logistics der Technischen Universität Dortmund. Unterstützt werden ihre Doktorarbeiten seit 2011 auch durch die Zusammenarbeit von ThyssenKrupp Steel Europe mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik.


Im Salonwagen pflegten August und Fritz Thyssen Kontakte. Ein Bild des Jahres 1918 zeigt sie zum Beispiel mit einem georgischen Fürsten und Leitungskräften eines Partnerunternehmens, von dem das Duisburger Werk phosphorarmes Mangan sowie Erze aus dem 3 400 km entfernten Kaukasus bezog. Fürst Sumbatoff und Dr. Nikoladze waren mit Regierungsvertretern aus Berlin zu Gast bei Thyssen in Hamborn. „Der Salonwagen“, berichtete 1968 die Werkszeitschrift der Hamborner Eisenbahn und Häfen GmbH, „hat so manchen Kilometer hinter sich gebracht, hat hochgestellte Personen, hat einfache Leute gefahren.“ Für unterschiedliche Zwecke wurde seine Ausstattung im Lauf der Zeit angepasst und mehrfach umgebaut. So erzählt der feine Wagen Firmengeschichte. Für besondere Besichtigungsfahrten wird er bis heute – parallel zu einem Nostalgiewagen der Zeit nach 1918 – genutzt.


ThyssenKrupp Steel Europe AG, Duisburg