28.11.2014

Wirtschaftsvereinigung Stahl, Düsseldorf

Es muss drin sein, was draufsteht

Stahlhändler und -verarbeiter in Europa können sicher sein, dass die von EU-Stahlerzeugern gelieferten Werkstoffe den Spezifikationen entsprechen, die in den betreffenden Regelwerken und Normen aufgeführt sind. Dies bedeutet Verlässlichkeit beim Handel, Prozessstabilität bei der Verarbeitung und Sicherheit bei der Anwendung des Materials. Die genaue Einhaltung von Spezifikationen und Normen ist somit ein wichtiges Qualitätskriterium in der gesamten Wertschöpfungskette bis zum Endkunden. Es ist mehrfach offensichtlich geworden, dass dies auf zahlreiche Importe von Walzdraht, Warmband, Stabstahl und insbesondere auch Grobblech aus China nicht zutrifft.


Der Hintergrund: Die chinesische Regierung fördert Exporte von legierten Stählen mit Steuerrabatten in Höhe von 9 bis 13 %. Um die steuerlich wirksame Einstufung als legierte Stähle zu erhalten, haben Produzenten von unlegierten Baustählen erhöhte Mengen des preiswerten Legierungsmittels Bor zugesetzt. Was in China Steuervorteile bringt, müsste auf den europäischen Importmärkten dazu führen, dass diese Stähle auch als legierte Stähle klassifiziert werden. Und genau das geschieht in vielen Fällen nicht.


Obwohl die Bor-Mengen zum Teil mehr als doppelt so hoch wie zulässig sind, wurden Importe als unlegierte Baustähle vermarktet. Dabei dürfen warmgewalzte Erzeugnisse aus unlegierten Baustählen nach der europäischen Norm EN 10025-2 lediglich 0,0008 % Massenanteile an Bor enthalten. Für geschweißte Offshorekonstruktionen beträgt der Grenzwert nach EN 10225 sogar nur 0,0005 %.


Was bedeutet dies für die Verwendung der betreffenden Stähle? Bor im Stahl ist nicht per se schlecht – wenn gewünscht und metallurgisch richtig eingestellt, verbessert Bor die Gleichmäßigkeit der Härte des Stahls. Sind aber Schweißbarkeit und Elastizität gefordert, kann sich ein zu hoher Boranteil als schädlich erweisen. In Abhängigkeit vom Verlauf der Abkühlung nach dem Schweißen können Risse auftreten. Für Stahlverarbeiter hat die Verwendung von Stählen mit überhöhten Bor-Anteilen zudem zur Folge, dass Bauteile, für die Stähle nach EN 10025-2 eingesetzt werden müssen, nicht normkonform sind. Erschwerend kommt hinzu, dass es mit dem europäischen CE-Kennzeichen zertifizierte Zeugnisse nach EN 10025-2 gibt, obwohl der Bor-Anteil den Grenzwert um mehr als das Doppelte übersteigt – eine klare Täuschung, die bei den Verarbeitern zu unkalkulierbaren Risiken führt.


Hier sind nun auch die Marktaufsichtsbehörden gefordert, um die missbräuchliche Verwendung des CE-Zeichens auszuschließen. Stahlverarbeiter müssen davor geschützt werden, durch irreführende Deklarationen dem Risiko erheblicher wirtschaftlicher Nachteile ausgesetzt zu sein. Zudem könnten Besteller der betreffenden Erzeugnisse aus chinesischer Produktion von ihren Lieferanten eine Bestätigung anfordern, dass die Boranteile auch in den Fällen, in denen sie nicht explizit im Zeugnis ausgewiesen sind, innerhalb der in den Normen festgelegten Grenzen liegen.


Wirtschaftsvereinigung Stahl, Düsseldorf