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2016 Schicksalsjahr für die Stahlindustrie

2016 Schicksalsjahr für die Stahlindustrie

17.02.2016
Wirtschaftsvereinigung Stahl, Düsseldorf

„2016 ist ein Schicksalsjahr für die Stahlindustrie: Politische Weichenstellungen in der Handels- und Klimapolitik sind für die Zukunft des Stahls in Deutschland und Europa entscheidend“, so Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, auf der 20. Handelsblatt-Tagung „Stahlmarkt“ am 16. Februar 2016 in Düsseldorf. Um im aktuellen globalen Umfeld die Herausforderungen meistern zu können, braucht es eine wirksame europäische Außenhandelspolitik und in der Klimapolitik eine Ausgestaltung des Emissionsrechtehandels ohne Bedrohung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit. Den dramatischen Entwicklungen auf den Stahlmärkten kann sich auch die wettbewerbsfähige Stahlindustrie in Deutschland nicht entziehen.


Das internationale Wettbewerbsumfeld sei in einem Umfang verzerrt, wie es die Stahlindustrie bislang noch nicht erlebt habe. Die globalen Stahlexporte sind im vergangenen Jahr auf ein Rekordlevel von 355 Millionen Tonnen gestiegen. Davon entfällt nahezu jede dritte Tonne auf China. Die chinesische Stahlindustrie hat in den letzten drei Jahren ihre Stahlexporte auf 111 Mio. t verdoppelt, die Anbieter in der restlichen Welt haben sie dagegen um 20 Millionen Tonnen reduziert. Ein großer Teil des chinesischen Materials werde zu Dumpingpreisen auf den Märkten angeboten.


Der offene EU-Stahlmarkt sei besonders bedroht: Dies zeige sich an den gestiegenen Importen 2015, aber auch an den deutlich zurückgegangenen Exporten in Folge von Verdrängungseffekten auf den internationalen Märkten. Nehme man beides zusammen, ergebe sich ein alarmierender Befund: Keine andere Region musste im vergangenen Jahr in derartigen Umfang eine Verschlechterung im Stahl-Außenhandelssaldo hinnehmen wie die EU, nämlich um - 9 Mio. t, während China ein Plus von 20 Mio. t verbuchen konnte.


Vor allem chinesische Anbieter orientierten sich mehr und mehr in Richtung des offenen EU-Marktes. 2015 haben sie ihre Exporte in die EU um mehr als 50 % gesteigert. In den inzwischen durch Handelsschutzmaßnahmen gut abgesicherten nordamerikanischen Markt haben sie dagegen 2015 um mehr als ein Viertel abgenommen.


Selbst die wettbewerbsfähige Stahlindustrie in Deutschland kann sich den dramatischen Entwicklungen auf den Stahlmärkten nicht entziehen: Die Auftragslage in der Stahlindustrie hat sich im vierten Quartal deutlich verschlechtert. Die Bestellungen sanken um 6 % gegenüber dem Vorjahresquartal, der Auftragsbestand sogar um 13 % auf 7,2 Mio. t.


Für Deutschland erwartet die Wirtschaftsvereinigung Stahl einen Rückgang der Rohstahlproduktion um 3 % auf 41,5 Mio. t. Zwar befinde sich die Kapazitätsauslastung in der Branche mit 86 Prozent noch auf einem relativ hohen Niveau. „Dies darf jedoch nicht den Blick auf eine zunehmend als bedrohlich eingestufte wirtschaftliche Lage verstellen“, warnt der Verbandspräsident.


„Das Handelsschutzinstrumentarium der EU muss zeitnah und konsequent angewendet werden, um Schaden von der heimischen Industrie abzuwehren“, fordert Kerkhoff. Es sei ein erster Schritt, dass Freitag vorläufige Zölle gegen unfaire Kaltfeinblech-Importe aus China und Russland verhängt wurden. Die Höhe sei jedoch bei Weitem nicht ausreichend. Obwohl Dumpingspannen für chinesische Importe von fast 60 % nachgewiesen werden konnten, wurden nur Zölle zwischen 14 und 16 % festgelegt. „Damit wird das unfaire Verhalten der chinesischen Anbieter auf dem europäischen Markt nicht unterbunden“, befürchtet der Verbandspräsident.


Ursache sei unter anderem die „Regel des geringsten Zolls“ (lesser duty rule), die häufig dazu führe, dass Schutzzölle in der EU niedriger seien als in anderen Ländern und das eigentlich festgestellte Dumping nicht ausgleichen. Eine solche Regel zum Nachteil der heimischen Industrie werde weder von der WTO vorgeschrieben noch von einer anderen Industrienation angewendet. „Die bestehenden Spielräume müssen voll ausgeschöpft werden“, so Kerkhoff. Außerdem müssten Verfahrenszeiten auf ähnliche Zeiträume verkürzt werden, wie sie etwa in den Vereinigten Staaten üblich seien.


Geradezu grotesk wäre es, wenn angesichts der aktuellen Bedrohungslage durch gedumpte Importe China im Dezember der Marktwirtschaftsstatus verliehen würde. Dass China seine Strukturprobleme exportiere, sei ein Beleg für die mangelnde Bereitschaft der chinesischen Regierung Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen. „Abgesehen davon, dass dieses planwirtschaftlich geführte Land keine Marktwirtschaft ist, würde es unsere Abwehrmöglichkeiten gegen China praktisch von einem auf den anderen Tag zerstören“, warnt der Verbandspräsident. Die Importkrise konterkariere auch die Klimapolitik, erläutert Kerkhoff: Eine Tonne Stahl werde in China durchschnittlich mit rd. 40 % mehr CO2-Emissionen produziert, als wenn sie in Europa erzeugt würde.


Wirtschaftsvereinigung Stahl, Düsseldorf